Darstellende Kunst

„Alter Hase – Ein Ballett für fünf Ehemalige“ ***
von Lajos Talamonti

Theater HochX, 12.11.2021 und 14.1.2023

Getanztes und gespieltes Bio-Pic oder autobiographische Performance über die Sehnsucht nach Perfektion und Schönheit, über das Scheitern und die Vergänglichkeit. Lajos Talamonti hat seinen Körper in den 1980er Jahren einer neunjährigen Ballettausbildung unterworfen. Zwei Jahre war er Tänzer von Beruf. Dann wechselte er die Ausdrucksform. Aus der Perspektive der Ballettwelt ein Scheitern. Für die Freie Darstellende Kunst ein immenser Gewinn. Mit entwaffnender Offenheit, Leichtigkeit und Selbstironie reflektiert Talamonti seine über vier Dekaden währende Bühnenkarriere. Dabei begleiten ihn vier ehemalige Kolleg*innen: Brit Rodemund ist noch als Tänzerin aktiv. Christine Brombosch hat ihre Spitzenschuhe an den Nagel gehängt. Sie ist Sozialarbeiterin geworden. Marc Geifes kümmert sich als Physiotherapeut auch um die angeschlagenen Körper aktiver Tänzer*innen. Martin Clausen hat als einziger keine klassische Tanzausbildung genossen. Seine Ausdrucksform ist das Andere, das Dazwischen, gegen das Talamonti sein erlerntes Bewegungsvokabular eingetauscht hat.
Der Abend lebt auch vom Dialog mit den Zuschauenden, unter denen viele sind, die einen eigenen Bezug zum klassischen Tanz haben. Auf der Bühne ist ein klassisches Tanzstudio eingerichtet. Erinnerungen an die 1980er und 1990er Jahre werden wach. Talamontis alternder Körper steht stellvertretend für die alternden Körper der Menschen, die ihm zuschauen. Wir können uns selbst buchstäblich im Spiegel sehen. Das ist berührend.
Im November 2021 war die Bühne im HochX ebenerdig eingerichtet. Als das Ensemble das Publikum am Ende einlud, gemeinsam auf der Bühne zu „Flashdance“ zu tanzen, riss es einige von den Stühlen. Das Ganze hatte einen befreienden Charakter. Im Janur 2023 ist Normalität eingekehrt. Die Bühne im Guckkasten gerahmt. Das Publikum auf sicherem Abstand. Persönliche Erinnerungen legen sich über die Gegenwart des Gesehenen. Tosender Applaus. Vereinzelt fließen Tränen. So schön das Leben! So vergänglich aber auch. Ach, könnte jetzt doch immer sein.


„Tribunal der Arbeit“ ***
von Ülkü Süngün

Theater Rampe, Stuttgart
15.10.2022

Verhandelt wird im Theater, weil die Angeklagten für die weltliche Justiz nicht greifbar sind. Das Publikum sitzt in der Mitte des Raums auf Stühlen, die unterschiedliche Blickrichtungen vorgeben. Vier Perspektiven auf vier unterschiedliche Podien. Auf Leinwänden laufen dokumentarische Videos. Es geht um unbezahlte Arbeit, die Arbeitsmigrant*innen in deutschen Fabriken und auf prestigeträchtigen Baustellen verrichtet haben. Mit betrügerischer Absicht und falschen Versprechungen sind sie nach Deutschland gelockt worden. Den einen wurde ein Studium versprochen. Die anderen haben monatelang auf Arbeitsverträge gewartet, die nie ausgehändigt wurden. Aus purer Not und im guten Glauben haben sie sich auf die Arbeitsbedingungen eingelassen. Ihr Zeugnis ist ein eindrucksvolles Lehrstück über Ausbeutung. Sie ist mehr als ein Wirtschaftsdelikt. Sie ist ein Verbrechen gegen die Menschenwürde.

Infos zu den Madgermanes
Infos zur Mall of Shame

„Ein Mensch wie ihr – ein vielstimmiger Parcours: Theater, Tanz, Geschichten, Fest“ ***
Mülheim/Ruhr
14.10.2022

Eine Flughafenstimme begrüßt die ankommenden Besucher*innen in der Stadthalle. Sie informiert über den Ort und das Stück, das den Abend inspiriert: Brechts Fatzerfragment. Das mutet an wie ein akustisches Programmheft. Man erfährt, dass die Stadthalle in den 1920er Jahren entworfen wurde, um ein Begegnungsort für alle Mülheimer*innen zu sein. Für die Alteingesessenen, die Neudazugekommenen, die Geflüchteten … Heute sind vor allem Menschen mit blonden oder grauen Haaren da. Das Foyer mit seinen weißen Fließen, den Stehtischen und blauen Deckenstrahlern wirkt kühl. Die Decken sind so tief, dass selbst ich das Gefühl habe, ich könnte sie mit den Fingerspitzen erreichen, wenn ich mich nur ein wenig strecke. Die meisten Gäste tragen schwarze Mäntel. Drei Teile hat der Abend: Wir betreten das Foyer. Man fragt uns nach unserem Namen. Per Megaphon wird unsere Anwesenheit den mit uns wartenden Gästen mitgeteilt. Der erste Teil des Abends dampft das Fatzer-Fragment in einer ca. 60 minütigen Fassung ein. Vier Schauspieler und eine Schauspielerin sind auf der Bühne. Das Kostümbild assoziiert eine Polarlandschaft. Die Männer sind wie Jetis gekleidet. Die Frau trägt ein funkelndes Kleid. Immer wieder taucht ein älterer Herr als Kommentator auf. Immer wieder kommt recht kunstvoll der Eiserne Vorhang des Hauses als Projektionsfläche ins Spiel, senkt sich eine Kamera aus dem Schnürboden auf die Szene herab, die das auf dem Boden liegende Herrenensemble einfängt. Der Fatzer poltert kräftig, schreit, brüllt, lässt seine Muskeln spielen. Er übergießt sich mit Farbe (warum?). Die Schauspielerin gibt die Gallionsfigur. Teil zwei zeigt echte Menschen. Ein Frauenensemble. Auf einmal wird das Gefatzere sehr heutig. Da ist ein 10 jähriges Mädchen, aber auch eine 70jährige Rentnerin. Zwei Mitspielerinnen kommen aus Syrien. Eine davon sitzt im Publikum. Eine andere ist vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet. Sie spielt Klavier. Eine Schauspielerin ist auch dabei. Die Spielerinnen haben sich mit dem Krieg auseinandergesetzt. Für manche ist er Teil ihrer Lebensrealität. Sie haben sich mit Fatzer beschäftigt und mit Brecht, der den Fatzer als Sexisten geschrieben hat. Gemeinsam schafft das Ensemble berührende dokumentarische Momente.
Im dritten Teil wird das Publikum zur Bewegungsmasse in einer Choreographie. Schließlich kommen alle Mitwirkenden zum großen Finale im Foyer zusammen und geben den Fatzer im Chor. Ein anspruchsvoller Abend, dessen Einzelteile perfekt in einander greifen.

„Unter dem Teppich“ ***
Eine Installation von God’s Entertainment

Serigrafie Museum, Filderstadt
14.10.2022

Unter der handgewebten Prideflag laufen Videos, die die Frage nach Zugehörigkeit stellen. Zugehörigkeit zur cosmopolitischen, globalen Gemeinschaft, die Frage nach dem „Wir“ als Menschheit. Welche Ausgrenzungsmechanismen nutzen „wir“, um Menschen am sogenannten „Rand der Gesellschaft“ draußen zu halten? Welche institutionellen Unterscheidungskriterien (Reisepass, Nationalität, Geburtsort, Herkunftsland der Eltern) nutzen wir, um die Ungleichbehandlung verschiedener Mitglieder der Menschheit zu rechtfertigen? Tief in unserem Inneren gibt es eine Stimme die lautstark nach Gerechtigkeit ruft. Wie lange werden wir sie noch unterdrücken? Wer darf dazu gehören? Wer nicht und warum? God’s Entertainment machen deutlich: Rassismus ist ein Instrument zur Legitimation von Ausbeutung. Er bestätigt das Selbstwertgefühl durch Abwertung des Anderen. Er lenkt davon ab, darüber nachzudenken, wie eine gerechtere Welt aussehen könnte, in dem er Ungleichheit als gerechten Zustand behauptet.

„Sinfonie des Fortschritts“
von Nicoletta Esinencu
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Festival Theaterformen, Braunschweig
2.7.2022

Drei Personen osteuropäischen Ursprungs attackieren in einer Frontal-Performance das privilegientrunkene überwiegend westeuropäische Publikum. Es geht um geheuchelte Solidaritätsversprechen im europäischen Wirtschaftsraum, als Selbstoptimierung getarnte Selbstausbeutungsrhetorik und die kühne Utopie, in der Westeuropa von Osteuropa kolonisiert wird. Eine Mischung aus Hölle und Fegefeuer.