Die Bairishe Geisha - Das Zimmer der verlorenen Bedeutung

- pRESSESTIMMEN

 

Wunderkammer der Wünsche und Albträume

Eine Ansammlung phantastischer Einfälle: Die ¸¸Bairishe Geisha" besucht das ¸¸Zimmer der verlorenen Bedeutung"

Im Aquarium auf der Bühne im Schwere Reiter schwimmt ein prächtiger Fisch. Barfuß trippelt die Geisha herein und holt aus ihrem Kimonoärmel ein Kästchen hervor. Sie erzählt von ihrem Großvater und seiner Zwillingsschwester, die Grillen und deren Schrei einfingen, bis der Fisch sie mit herrlich bayerisch-gagaesken Widerworten unterbricht. Ein Hut gleitet über den Boden, von der Decke schwebt mal ein Tisch, mal eine Trockenhaube herab, aus der die Geisha Haarteile hervorzieht. Sie singt von "Himmel, Arsch und Scheibenkleister", den von der Mama beschworenen Dämonen, die in ihren Haaren wohnen. Sie entspult Erinnerungsfäden und entwirft am Ende die Utopie eines "Zustandes der absoluten Toleranz", befreit von allen dunklen Gespenstern der Vergangenheit.

Mit "Das Zimmer der verlorenen Bedeutung" stellt Judith Huber vom Trio Bairishe Geisha, dieser schillernden Orchidee der Münchner Theaterszene, den zweiten von drei Soloabenden des Ensembles vor. Als habe sie in den Truhen auf dem Dachboden gewühlt, in denen die Schätze, Wunsch- und Albträume der Kindheit vergraben liegen, breitet sie ein Kunterbunt an Fundstücken und funkelnden Splittern aus. Aus einer barocken Fülle an Geschichten bastelt sie eine Performance von oft hinreißender Komik, reich an berückend-beglückenden Momenten, in denen die Absurdität des frühen Achternbusch mit mädchenhafter Leichtfüßigkeit Pirouetten dreht.


Ein Lehrer fordert einen Aufsatz zum Thema "Wie ernst ist es dir mit dem Abschied" und spritzt schließlich ihren Hintern, statt ihn zu versohlen, mit Sprühsahne voll. Wir begegnen einem kleinen Mädchen (Anna Stiglbrunner), das Korrespondentin in Krisengebieten werden möchte und eine Schreibmaschinenhülle zum Singen bringt, Papa-Männern (Stefan Kastner, Josef Schmid) mit Musterkoffern, aus denen Haargel- und Krapfenmobiles purzeln (Objekte: Johannes Brunner und Raimund Ritz).

Allein, irgendwann beginnt Huber sich der Lust an phantastischen Einfällen zu vorbehaltlos hinzugeben. In diesem Zaubergarten voller Wunderblumen kann man sich auch verstecken. Anstelle immer neuer skurriler Blüten hätten ein paar emotionale Verdichtungen, bloßgelegte Schmerzzentren gut getan. Aber an einem Abend, an dem ein Kühlschrank vom Boden abhebt und fliegt, sollte man nicht zu kleinlich sein.


PETRA HALLMAYER, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG / 9. März 2009



Futter für Fantasie

So ist das neue Programm der Bairishen Geisha


Ein Kühlschrank, der durch die Luft segelt. Eine singende Schreibmaschine. Ein Magritte-Hut, der über den Boden wandert. Ein bairisch sprechender Fisch. Und eine aus Schaum geborene Geisha, die als nackte Venus einem Bottich entsteigt. Das sind einige der poetischen Bildeffekte und Gags in einem wundersamen Zauberland, das die Bairishe Geisha in ihrem neuen Stück „Das Zimmer der verlorenen Bedeutung mit Hilfe der Künstler Brunner/Ritz zeigt. Vier Personen (Judith Huber, Stefan Kastner, Josef Schmid, Anna Stiglbrunner) suchen nach der verlorenen Zeit der Kindheit. Was sie in dieser lustvoll anarchischen Collage bieten, ist keine Geschichte sondern Futter für die Fantasie. Valentineske Sprachkunststücke, absurde Szenen mit Zitherklang und Volksgesang – der Stoff würde für drei Programme reichen! Da erkauft sich eine Schülerin tollkühn die Note 4 für eine Sahnespray-Orgie oder füllt ein Mann höchst erotisch mit einer Spritze die Krapfen. Sinn freilich sollte man in dieser trashigen Nonsens-Show nicht suchen, denn der Tiefsinn läuft dem Unsinn immer davon.


BARBARA WELTER, tz / 9. März.2009

Foto: Franz Kimmel