Bücher

Ines Geipel: „Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“ ***

Eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Verstricktheit in die Greueltaten der NS-Zeit, so Geipel, habe im Osten nie stattfinden können. Die Propaganda der Sowjets und der Terror der Stasi knüpften nahtlos an den Faschismus an: „Die Kriegsenkel sind die Untoten des Krieges“ schreibt Geipel, die in diesem Buch ihre eigene familiäre Verstricktheit in einer anekdotischen Familiengeschichte aufarbeitet. Der Text ist politisch und literarisch erhellend und punktet mit pointiertierten Fragen: „Die AFD pocht auf Deutschland, Heimat, Identität, die politische Kernschmelze, mit der sie vorgibt dem Wohle des Landes zu dienen. Aber welches Deutschland, welche Heimat, welche Identität?“

Beginn: 26.12.2022. Ende: 1.1.2023
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Lea Ypi: „Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“ ***

Der erste Teil ist zäh. Umso grandioser und klüger die Beschreibung dessen, wie sich das Leben der Ich-Erzählerin nach der Wende in Albanien im Jahr 1990 für immer verändert. Die glühende Jungpionierin muss feststellen, dass ihre Familie im Sozialismus enteignet wurde und keine der Einstellungen die sie in der Schule aufgesogen hat, auch nur im geringsten teilen kann. Was bedeutet Freiheit? In ihrer autobiographischen Erzählung stellt Ypi den Freiheitsbegriff im westlichen Liberalismus dem Freiheitsideal im Sozialismus gegenüber. Das Ergebnis dieser Gegenüberstellung ist erschütternd. „Nach dem Sozialismus hatten wir die Hoffnung. Nach dem Übergang hatten wir gar nichts mehr. “ In den Zeiten des Eisernen Vorhangs ermutigte der Westen den Osten, sich vom Sozialismus zu befreien. Doch als es dann soweit ist, weigert er sich, den Menschen, die aus dem Osten auf der Suche nach Freiheit in den Westen kommen, die Segnungen der Freiheit (Freizügigkeit, selbst gewählte Arbeit) zu gewähren. Sie werden als Flüchtlinge an der Grenze aufgehalten und in Lager gesperrt. 1997 zerbröselt das Freiheitsversprechen vollends. Der politische Systemwechsel mündet in einen Bürgerkrieg. Ein Roman, der nachhaltig zum Nachdenken über Freiheit anregt, geschrieben von einer Frau, in deren Familiengeschichte sich die Widersprüche Ideologien des 20. Jahrhunderts spiegeln.

Beginn: 9.10.2022. Ende: 22.10.2022
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Jörg Maurer: „Niedertracht“ ***

Ein Serienmörder setzt seine Opfer auf unzugänglichen Felsvorsprüngen oder in Höhlen aus, um aus der Ferne ihren Todeskampf zu beobachten. Er ist weiß, anfang dreißig, ein Einzelgänger und lebt noch immer bei seiner Mutter. Der Autor beschreibt diesen „Putzi“ wie ein unbeobachtetes, vernachlässigtes Kind. Das ist dann auch das Gefährliche an ihm, dass er von niemandem ernst genommen wird in seinem Umfeld. Aber die Leserin weiß um seine Taten und fiebert dem Moment entgegen, an dem er endlich einen Fehler macht. Der Clou dieses Alpenkrimis ist, dass nicht die Polizei, sondern das organisierte Verbrechen den Täter zur Strecke bringt (das hat „Niedertracht“ mit „Hochsaison“ gemein). Unheimlich.

Beginn: 5.10.2022. Ende: 8.10.2022
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Jörg Maurer: „Hochsaison“ ***

J. Maurer schreibt kurzweilig, sein hochtouriger Stil ist voller bajuvarischem Pathos. Seine Figuren dagegen sind gemütlich, langsam – Hauptkommissar Jennerwein leidet sogar an einer Krankheit, bei der ihm die Wahrnehmung zu einem Comic-Strip gefriert. Aufmerksame Leser*innen enttarnen zwar den Täter schnell, dass der Lesespaß nicht abflacht kommt daher, dass sich der Täter selbst im Fadenkreuz höherer Interessen wiederfindet – schließlich geht es um nichts geringeres als um die Vergabe der Olympischen Winterspiele.

Beginn: 30.9.2022. Ende: 2.10.2022
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Olga Tocarczuk: „Gesang der Fledermäuse“ ***

Ein Roman, in dem zentrale Gedanken von „Tiere denken“ – Mitgeschöpflichkeit, Rechte (vgl. 3.9.2022) – fiktional bearbeitet werden. Astrologie erscheint als Humbug und Irrsinn – die christliche Lehre, die ebenso unlogisch ist, als gesellschaftlicher Konsens. Starker Einstieg, torkelnde Mitte, starker Schluss. Mind-Changer.

Beginn: 8.9.2022. Ende: 11.9.2022
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Gerald Hüther: „Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft“ **

G. Hüther ist Utopist, ein Konservativer und ein an Kant-geschulter Neurologe. Bildung ist eines seiner Steckenpferde, weshalb das Thema an prominente Stelle auch in dieses Buch einfließt. „Würde“ als Fähigkeit des Menschen menschlich im besten Sinn zu handeln kommt insbesondere dann zur Entfaltung, wenn Menschen aufhören einander als Objekte zu behandeln. Die Utopie liegt darin, das Wissen um die eigene Würde (als Ahnung davon, was bedingungslose Liebe, bedingungslos geliebt sein, einen unerschütterlichen Wert an sich haben) in jedem Menschen bereits angelegt ist. Sie muss nur noch erkannt werden, um ein würdevolles Leben in Kohärenz (= Übereinstimmung mit den eigenen Werten) zu führen.

Beginn: 8.9.2022. Ende: 8.9.2022
Zum Buch. Gerald Hüther bei Vulkan TV

Richard David Precht: „Tiere denken“ ***

„Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken“ (Harald Welzer)

Ein Buch, das viele Impulse für einen vegetarischen/veganen Lebensstil setzt. Precht erinnert an die „Mitgeschöpflichkeit“ von Tieren und die Idee, ihnen genau aus diesem Grund unveräußerliche Rechte zuzusprechen. Er erinnert daran, dass Tierrechte auch im Grundgesetz verankert sind, es aber in der Praxis so gut wie nie zu deren Einlösung kommt – wo kein Richter, da kein Henker. Das Buch macht deutlich wie das Christentum und das Judentum in ihrer Theologie die Versachlichung von Tieren vorangetrieben haben. R.D. Precht ist Geisteswissenschaftler. Sein Diskurs bezieht sich auf viele andere Denker (auf 462 Seiten werden gerade mal zwei Frauen zitiert) und legt Argumente nebeneinander ohne Haltung zu beziehen. Er erinnert aber auch an die eingeschränkte Erkenntnisfähigkeit des Menschen, aus der sich eine Ethik des Nicht-Wissens ableiten lässt.

Beginn: 3.9.2022. Ende: 8.9.2022
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Empfehlenswerter Roman, der das Thema aus literarischer Perspektive aufarbeitet:
Olga Tocarczuk: „Der Gesang der Fledermäuse“

Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ ***

Hasters hat ein sehr persönliches Buch geschrieben, dass die Privilegien weißer Menschen sichtbar macht und strukturellen Rassismus in seiner historischen Bedingtheit aufdeckt. Sie macht deutlich, wer von „Rassifizierung“ profitiert hat und noch immer profitiert. Rassismus ist das Narrativ, das Sklavenhalter*innen nachts ruhig schlafen ließ. Ein Arbeitsauftrag an jede/n Leser/in.

Beginn: 1.9.2022. Ende: 2.9.2022
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Emine Sevgi Özdamar: „Ein von Schatten begrenzter Raum“

Inspirierend. Schwebend. Erhellend ist Emine Sevgi Özdamars Roman über eine Künstlerin in der Emigration. Ein Plädoyer für das demokratische Europa, für Erinnerung und Aufarbeitung. Voller Liebe, aber auch Verzweiflung angesichts der Ohnmacht der einfachen Leute gegenüber dem Faschismus und seinen nationalistischen Exzessen.

Beginn: 5.10.2021. Ende: 4.11.2021
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Robert Seethaler: „Der letzte Satz“ **

Kurzweilige Lektüre. Einfach geschrieben. Seethaler begleitet seine Haupfigur Gustav Mahler auf dessen letzter Reise. Viele Bilder erleichtern die Vorstellung der Szenerie beim Lesen. Seethaler wechselt Orte und Erinnerungsräume ohne größere Verbindungen. Der Lesefluss löst die nebeneinander gesetzten (komponierten) Bilder zu einem harmonischen Ganzen auf. Guter Impuls für eigene Texte und dafür sich intensiver mit Mahler zu beschäftigen. Inhaltlich obsolet.

Beginn: 15.4.2021. Ende: 17.4.2021
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Juli Zeh: „Unterleuten“ ***

Eindringliches Porträt einer zerissenen Dorfgemeinschaft. Erzählt aus den unterschiedlichen Perspektiven der Dorfbewohner*innen. Als ein Investor auf dem Dorf eine Windkraftanlage bauen will, brechen alte und neue Konflikte auf. Sagenhaft. Supergut zu lesen. Spannend. Plastisch. Unbedingte Weiterempfehlung.

Beginn: 8.8.2021. Ende: 13.8.2021
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Viktor Martinovich: „Revolution“ **

Hochschulprofessor und Geisteswissenschaftler wird vom Gejagten zum Mitglied einer mafiösen Struktur. Er verliert seine Menschlichkeit und Moral, zettelt am Ende eine „Revolution“ an, an deren Ende er selbst an der Spitze der Organisation steht. Geschrieben als Beichte an die Frau, die er für seinen Aufstieg aufgeben musste. Reich an literatur- und sprachwissenschaftlichen Anspielungen. Anfangs spannend, in der Mitte zäh. Packendes Ende.

Beginn: 20.7.2021. Ende: 26.8.2021
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Autorenlesung im Literaturhaus Zürich:

Navid Kermani: „Sozusagen Paris“ ***

Schlau, mega intertextuell und kurzweilig. Ein Roman über das Romanschreiben, über die Liebe zum Lesen und die französische Literatur des 19./20. Jahrhunderts. Das perfekte Geschenk für Menschen, die lange verheiratet sind.

Beginn: 30.4.2021. Ende: 2.5.2021
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